Wo sind die heutigen Antworten der Philosophie?

Unter dem Titel: Zeige was Du weisst, anstatt davon zu erzählen findet man auf Seite 345 des Buches „Der tägliche Stoiker“ von Ryan Holiday folgenden Einstieg von Epiktet und eine Erklärung von Herrn Holiday – seinem Versuch die Gedanken der Stoa in unser heutiges Denksystem zu übersetzen.

„Wer die reine Theorie nur schlucken soll, will sie gleich wieder ausspeien, so wie ein verstimmter Magen das Essen. Verdaue deine Theorien zuerst und du wirst dich nicht übergeben müssen. Sonst bleiben sie roh und sind nicht nahrhaft. Wenn du sie verdaut hast, zeige, wie dich deine durchdachten Entscheidungen verändert haben, so wie die Schultern von Turnern auf ihr Training schließen lassen, und die Arbeiten von Kunsthandwerkern auf das, was sie gelernt haben.“
Epiktet, Lehrgespräche, 3.21.1-3

Viele der stoischen Aphorismen kann man sich leicht merken, es sind kluge Zitate. Aber darum geht es bei der Philosophie nicht. Das Ziel ist es, die Worte in Taten umzusetzen. Wie Musonius Rufus betonte, rechtfertigt sich die Philosophie dann, wenn „man vernünftige Lehren mit vernünftigen Handlungsweisen verknüpft“.
Solltest du dich heute oder wann auch immer dabei ertappen, dass du herablassend dein Wissen zum Besten geben willst, halte inne und frage dich: Statt es in Worte zu fassen, wäre es nicht besser, mein Wissen anhand von Taten und Entscheidungen für sich sprechen zu lassen?

aus „Der tägliche Stoiker – 366 nachdenkliche Betrachtungen über Weisheit, Beharrlichkeit und Lebensstil“ von Ryan Holiday. 

Ich arbeite jeden Tag einen kurzen Text in diesem Buch durch. Dazu schreibe ich meine Gedanken auf, welche ich heute gerne mit Euch teilen möchte: 

Wie sieht es tatsächlich mit dem Ziel der heutigen Philosophie aus? Leider sind die heutigen Philosophen schon durch Ihr Studium anscheinend völlig abgehoben und leben in einem Elfenbeinturm und fragen sich eben dabei nicht, ob sie von der Allgemeinheit überhaupt noch verstanden werden. Es scheint, sie sprechen lieber in Worte und Sätzen die nur wenige verstehen, als ob sie Angst hätten, das in Wahrheit Ihre Worte nur hohle Phrasen sind.

Ich frage mich: Wo sind die heutigen Antworten der Philosophie auf die wirklich drängenden Fragen der Zeit? Ich suche sie – aber ich lese nichts davon. Als ob die Philosophie mit Heidegger aufgehört hat zu existieren. Aber gerade jetzt benötigen wir Antworten auf immens existentiellen Fragen. Wie können wir den großen gesellschaftlichen Wandel verarbeiten, der vor uns liegt. Die Wirtschaft und die Gesellschaft wird sich durch die neuen Techniken, aber auch durch die Verknappung der Rohstoffe rasend schnell ändern. Unsere Natur wird immer knapper werden und die Katastrophen werden immer extremer zunehmen. Dann die Themen über die künstliche Intelligenz und Arbeit 4.0, die Integration von Menschen aus unterschiedlichen Kulturen und eigener Geschichte, eine alternde Gesellschaft und den wechselnden Bedürfnissen.

Die Philosophie als Wissenschaft muss für den Menschen da sein und existiert nicht wegen seinem Selbst. Wenn sie nur für sich da wäre, können wir; müssen wir sogar von einer toten Wissenschaft sprechen. Ungefähr wir bei der lateinischen Sprache – eine Sprache die sich nicht mehr verändert, da sie tot ist. Eine Wissenschaft die nur noch Fragen aus der Vergangenheit beantwortet und sich nicht mehr neuen Herausforderungen stellt, ist demnach für mich eine tote Wissenschaft (Entschuldigung an die Geschichtswissenschaften – aber sie bekommt täglich auch neue Grundlagen zum studieren dazu, also ist sie nicht tot).

Dem einzigen Philosophen in der heutigen Zeit – der aus dem deutschsprachigen Elfenbeinturm herabgestiegen ist – ist Richard David Precht. Damit hat er der Philosophie einen Dienst erwiesen – sozusagen wieder etwas beatmet und belebt.
Von den anderen Philosophen lese ich leider nur, gelinde gesagt, substanzlose Kritik über Herrn Precht – aber ich sehe keinen Mut, selber in die „Büt“ zu gehen, selber den Versuch zu unternehmen UNS die heutige Philosophie zu erklären und UNS einen moralischen Weg aufzuzeigen. Die Philosophie kann nicht ins Gestern denken, sondern sie muss sich der Zukunft stellen.

Gibt es denn an unseren Universitäten keinen Mut mehr sich an die heutigen Fragen von der philosophischen Seite heran zuarbeiten? Unsere Gesellschaft verliert immer mehr seine Bindung zur Religion und dem Glauben an die Wirtschaft. Wer füllt dieses Vakuum? Wer hilft dem Einzelnen, seinen inneren Kompass zu finden … und zu folgen? Müssen wir erst wieder auf die extremen Seiten (ob links, ob rechts) warten, die mit möglichst einfachen Antworten unseren Durst nach innerer Richtung erfüllen?

Auch unsere heilige Wirtschaftsgläubigkeit weicht einem seltsamen Gefühl. Wir stellen fest, dass der wirtschaftliche Erfolg nicht gleichzusetzen ist mit Glück. Dass großer materieller Reichtum nichts zu tun hat mit dem Erreichen von innerer Zufriedenheit. Es bleibt bei uns allen nur ein fahler, sinnloser Beigeschmack, den wir auch mit viel Drogen nicht beseitigen können.

Ich bin kein Philosoph.

© Holger Pangritz – Huggl – Göttingen, 03.05.2018


Mehr zur Epiktet: Handbüchlein der Moral  und hier mehr zu „der tägliche Stoiker“ von Ryan Holiday 

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