Was ist Würde?

„Was ist eigentlich diese Würde?“
„Was für ein Mensch möchte ich sein?“
„Wie sieht ein würdevolles Leben aus?“

Dies sind grundsätzliche, zentrale und gesellschaftliche Fragen – die jeder von uns sich irgendwann einmal stellen sollte. Nicht „Was willst Du werden“, sondern „Was willst Du sein“ und „was willst Du für Dich und Deine Umwelt bewirken?“ Diese Frage steht im Mittelpunkt unseres Lebenslehrens.

Ich bin der Meinung, dass diese Fragestellungen vom Kindergarten bis zum Studium in verschiedenen Formen behandelt werden sollten. Es geht nicht darum, eine einheitlich und genormte Antwort zu finden – wie es heute so gerne gewünscht wird, sondern durch die Fragestellung unseren inneren Würdekompass anspringen zu lassen. Unser Selbstbewusstsein auszubauen, damit wir in unserem Leben so leben, wie wir es wirklich möchten.

Wenn wir unser Inneres anschauen, dann werden wir sehen, dass ein würdevolles Leben ein Teil eines Lebenszweckes (oder „-Sinnes“) ist. Warum handeln wir aber dann oft nicht nach unserem Inneren? Warum können wir das, was da steht, nicht so einfach lesen? Wollen wir wirklich keine Selbstdenkenden, unabhängig agierende und bewusste Menschen um uns haben? Ich weiß, dass kann manchmal ziemlich anstrengend sein. Es ist einfacher vor sich hinzuleben, der Werbewirtschaft unser Dasein in die Hand zu geben, denn die wissen ganz genau, was wir brauchen! Ganz sicher! Oder die Banken und Versicherungen wissen ziemlich genau über uns Bescheid (auch wenn wir das eigentlich nicht möchten) und bieten uns genau das an, was wir zu diesem Zeitpunkt unbedingt meinen brauchen zu müssen. Wir müssen nicht mehr denken. Danke an die Bank und Versicherung meines Vertrauens. Dank an die Werbewirtschaft, die durch so viele uneigennützigen Studien uns endlich gläsern gemacht haben. 

Und die Politik? Die Politik hat große Angst vor Selbstbewussten, unabhängigen Menschen. Das ist nicht gut einschätzbar. Da kann keine gute und treue Wählerschaft erwartet werden. Und wie steht es mit unserem Werte- und Gesellschaftssystem?

Wir können Würde nicht mit materiellen Reichtum gleichsetzen. Nur weil ich „Reich an Geld und Eigentum“ bin, führe ich kein würdevolles und glückliches Leben. Aber das Ziel, diese Lebensform zu erreichen – Reichtum ohne Würde – wird uns gerne von der Gesellschaft als höchstes erstrebenswertes Ziel eingeredet. Was brauchen wir wirklich. Wenn wir die richtigen Fragen stellen, bzw. immer weiter unsere erst platten Antworten hinterfragen; dann wird nicht die Ergebnis heißen: ein tolles Haus mit riesigen Garten, das spezielle Auto mit den xxx PS, sondern das schwindende Gefühl von Glück sein. Auch wenn es nur ein kleines, kurz vorbeihaschendes Gefühl ist – wenn wir es einmal gespürt haben, werden wir danach süchtig. Aber wenn wir es erst am Ende unseres Lebens spüren, dann wird uns erst klar, was wir alles versäumt haben. Und jetzt kommt ein ganz komischer und seltsamer Gedanke: Und wenn wir unser glückloses Leben sofort beenden (hapless life suicide) und beschließen, ab sofort in Würde zu leben?

Was bedeutet Würde für Dich? Was bedeutet Glück für Dich? Wie können wir gemeinsam auf den Wege zu Deinem Glück gehen? Am Ende unsere Lebens wollen wir alle ein glückliches Leben gelebt haben. Nicht ein reiches, nicht ein „erfolgreiches“ – beruflicher, materieller Erfolg ist nur ein scheinbar gesellschaftlich wichtiger Aufstieg. Bitte glaubt mir – es zählt am Ende nichts. Am Ende bleibt nur das Gefühl von Leere – weil wir unserem persönlichen Lebensziel nicht gefolgt sind, weil das vermeintliche Glück war nur ein Glück aus der Matrix. Wie Selbstbestimmt konnten wir unser Leben führen? Oder wie Fremdbestimmt haben wir unsere Zeit verbracht?

Ein weiterer Gedanke von Prof. Hüther: wenn wir in Würde leben, dann lassen wir uns nicht von einer würdelosen Werbung verführen. Wenn Du glücklich bist, musst du nichts kaufen. Ich kann bestätigen, dass ohne materiellen Besitz, ein viel glücklicheres Leben möglich ist. Ich fühle mich heute glücklicher, als vor vielen Jahren, in denen ich mich für den Besitz (und die Sorge um diesen) scheinbar verbogen habe, ohne aber dessen bewusst zu sein. Aus heutiger Sicht war ich ein unglücklicher Mensch.

Heute leben wir am Ende des Monats oft sehr an der finanziellen Grenze – trotzdem können wir uns all das leisten, was wir wirklich brauchen. Heute lebe ich mit  starken Schmerzen und einer lästigen chronischen Erkrankung. Aber trotzdem darf ich sagen: so glücklich wie jetzt, war ich noch niemals zuvor. Ich darf endlich die Dinge machen, die ich immer schon tun wollte. Trotz einer Fremdsprachen-Legasthenie (und es fällt mir wirklich schwer), frische ich mein Schulenglisch auf, lerne zur gleichen Zeit Französisch und beschäftige mich täglich mit Philosophie und anderen geisteswissenschaftlichen Themen, die mich fordern. Ich habe mir noch viel mehr vorgenommen um mich zu bilden – ich will das „Mensch-sein-spüren“. Das ist mein Glück!

Ich weiß ganz sicher, wenn wir über das Thema Würde nachdenken, kommen wir irgendwann auf einen gemeinsamen Nenner. Dafür ist diese Facebook-Seite da – um Euch zu informieren und Eure Gedanken zu hören. Und dazu ist die Göttinger Würde-Gruppe da, um an diesem Gedanken weiter zu arbeiten und sich auszutauschen. Ihr seid herzlich willkommen, mitzumachen! Vielleicht nur für ein kurzes persönliches Glück. Daraus wird aber gesellschaftliches Glück folgen. Lasst uns darüber sprechen und lasst uns glücklich sein. Jeder auf seiner Art.

© Holger Pangritz, Pfingsten 2018


FB-Seite Würdekompass Göttingen: https://www.facebook.com/Wuerdevoll/

FB-Gruppe Würdekompass Göttingen: https://www.facebook.com/groups/1812270452409510/?ref=bookmarks

https://utopia.de/gerald-huether-hirnforscher-das-leben-besteht-nicht-darin-sich-irgendwelche-konsumbeduerfnisse-zu-erfuellen-51507/

#Würdekompass

compass-303415_1280

 

Würdekompass-Gruppe Göttingen

Aufruf zur Gründung einer Würdekompass-Gruppe in Göttingen!

„Das Rohmaterial für die Arbeit eines guten und fähigen Menschen ist sein Leitprinzip, so wie der Körper für den Arzt und Sporttrainer und der Bauernhof für den Bauern.“„Das Rohmaterial für die Arbeit eines guten und fähigen Menschen ist sein Leitprinzip, so wie der Körper für den Arzt und Sporttrainer und der Bauernhof für den Bauern.“ Epiktet, Lehrgespräche, 3.3.1

Das Wort Leitprinzip wird heute in einem andere Kontext benutzt, als es Epiktet (50 n.Chr. – 135 n. Chr.) in seiner philosophischen Welt tat. Wir finden das Wort Leitprinzip oft im Naturschutz, z.B. in folgendem Satz: „Nachhaltige Entwicklung ist das übergeordnete Leitprinzip, das Ökologie, Ökonomie und soziale Verantwortung verzahnt.“ (https://www.umweltbundesamt.de/themen/nachhaltigkeit-strategien-internationales/nachhaltigkeit-in-der-politik)

Das Wort „Leitprinzip“ hat nichts mit dem Wort „Leitkultur“ zu tun, sondern soll eher als  Kompass für das eigene Leben – für die eigene Würde – verstanden werden.

In Würde leben… das hören wir so oft, aber was heißt das? Jeder von uns will sicherlich in Würde sterben. Aber vor dem Sterben kommt nun mal bekanntlich erst einmal das Leben. Leben wir denn in Würde? Und was bedeutet das für den Einzelnen von uns? Haben wir vielleicht vergessen, was „in Würde leben“ wirklich bedeutet?

Wir haben festgestellt, dass ein „in Würde Leben“ völlig unabhängig vom Bildungsstand, vom Einkommen, vom gesellschaftlichen Ansehen ist. Stehen wir füreinander ein? Engagieren wir uns für einen guten Zweck? Helfen wir unserem Nachbarn – sehen wir unsere Mitmenschen überhaupt noch? Folgen wir einem inneren Kompass oder lassen wir uns fremdsteuern, lassen wir uns auf eine „fremdgesteuerte Würde“ ein? Oder lassen wir uns sogar die Würden von unserer medialen Umgebung nehmen?

Im Artikel 1 des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland heißt es:

  • (1) Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.
  • (2) Das Deutsche Volk bekennt sich darum zu unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt.

Die Vorstellung von der menschlichen Würde ist kein ausgedachtes Phänomen, sondern eine strukturelle Verankerung im Gehirn, welche sich auch neuro-biologisch nachweisen lässt.

Personen, die sich ihrer Würde bewusst geworden sind, lassen sich von niemandem einreden, dass sie dies oder das noch brauchen, um glücklich zu sein. Plakate, Werbespots, Ratgeber und Angebote für ein besseres Leben empfinden sie als unwürdige Versuche, sie so zu behandeln, als könnten sie nicht selber denken und eigene Entscheidungen treffen. Was sollen die vielen Werbestrategien, Meinungsmacher und Ratgeber dann machen, wenn ihre Botschaften ungehört und ungesehen bleiben? Und was wird mit dem vielen Geld, das ihren bisherigen Aktivitäten so überaus reichlich zugeflossen ist? (aus der Einleitung unter Würdekompass.de)

Vielleicht denkst Du, das ist eine fiktive Darstellung unserer Würde. Oder ist es doch möglich, dieses Ideal zu erreichen? Wie gut hört sich das Wort „Würde“ an und wie schlecht fühlen wir uns bei dem Wort „Würdelos“? Oder wie oft verharren wir im kleinen „würde“, „hätte ich doch“, „könnte ich doch“, „würde ich doch“ …  Wenn wir wirklich in uns gehen und uns dort, in unserem Inneren befragen, wie würdelos ist unser Verhalten? Jeder von uns, hat sich in seinem Leben oftmals nicht mit Ruhm bekleckert. Das müssen wir uns eingestehen, so heilig unser Job, so heilig unser Leben nach unserer eigenen Meinung auch sein möge.

Es geht hier nicht um zerstören, nicht um Selbstzerfleischung, sondern um Bewusstwerdung. Was bedeutet Würde für Dich? Für jeden Einzelnen von uns? Was würde mit uns passieren, wenn wir plötzlich unsere Würde entdecken? Wenn wir unserer Würde gewahr sind, kann diese Würde uns dann einfach so weggenommen werden? Ist es nicht um ein Vielfaches schwieriger, die Würde zu verlieren, wenn Du erst einmal ihrer bewusst bist?

Dieses Thema finde ich immens spannend. Abseits von jeder Weltanschauung und  jeder politischen, sexuellen, gesellschaftlichen Einstellung gibt es einen eigenen Kompass, der für jeden von uns auffindbar und tatsächlich auch neuro-biologisch nachweisbar ist.

Deswegen möchte ich mithelfen, für die Initiative der Würdekompassgruppen in Göttingen ein Treffen und eine Gruppe zu organisieren. Wenn Du oder Ihr Lust dabei habt – völlig sinnlos etwas Zeit Miteinander zu verbringen und aus der Sinnlosigkeit den eigenen Aspekt von Würde zu entdecken – ist gerne dazu eingeladen.

Der „Würdekompass“ ist eine Inititiative zur Stärkung des Empfindens, der Vorstellung und des Bewußtseins menschlicher Würde. Nicht in der Theorie, sondern im täglichen Zusammenleben.

Bei Interesse bin ich gerne für Euch da: pangritz@outlook.de

Auf Facebook findet Ihr uns als öffentliche Gruppe:
https://www.facebook.com/groups/1812270452409510/
sowie als FB-Seite: https://www.facebook.com/Wuerdevoll/

Lasst uns gemeinsam überlegen, wie wir würdeloses Verhalten in unserer Umgebung lindern können. 

© Holger Pangritz, 06. Mai 2018, Göttingen-Grone


https://www.wuerdekompass.de/wuerdekompass-gruppen

http://www.gerald-huether.de/

Empfehlung: Würdekompass von Prof. Dr. Gerald Hüther, erhältlich
(analog oder online) auch in der Eulenspiegel-Buchhandlung Göttingen:
https://www.genialokal.de/Produkt/Gerald-Huether/Wuerde_lid_34576103.html?storeID=eulensp

#würdekompass


compass-303415_1280

Eine Auferstehung!

Betrachte die Welt wie ein Dichter und Künstler!

„Durchlaufe diese kurze Zeitspanne in Einklang mit der Natur, und erreiche deine letzte Ruhestätte in Würde, so wie die reife Olive, die vom Baum fällt und die Erde preist, die sie ernährt hat, und dem Baum dankbar ist, der sie wachsen ließ.“

Marc Aurel (12.04.121 – 17.03.180), Selbstbetrachtungen, 4.48.2

Jede Geburt ist auch eine Auferstehung

cropped-baedcedb-d9fd-4c7d-80a9-80d1bce19d36-2

Stil-Mix-Mandala auf Leinwand 40×40 cm, Acryl, Tusche, Encaustic

© Huggl – Holger Pangritz – Juli 2017

Wo sind die heutigen Antworten der Philosophie?

Unter dem Titel: Zeige was Du weisst, anstatt davon zu erzählen findet man auf Seite 345 des Buches „Der tägliche Stoiker“ von Ryan Holiday folgenden Einstieg von Epiktet und eine Erklärung von Herrn Holiday – seinem Versuch die Gedanken der Stoa in unser heutiges Denksystem zu übersetzen.

„Wer die reine Theorie nur schlucken soll, will sie gleich wieder ausspeien, so wie ein verstimmter Magen das Essen. Verdaue deine Theorien zuerst und du wirst dich nicht übergeben müssen. Sonst bleiben sie roh und sind nicht nahrhaft. Wenn du sie verdaut hast, zeige, wie dich deine durchdachten Entscheidungen verändert haben, so wie die Schultern von Turnern auf ihr Training schließen lassen, und die Arbeiten von Kunsthandwerkern auf das, was sie gelernt haben.“
Epiktet, Lehrgespräche, 3.21.1-3

Viele der stoischen Aphorismen kann man sich leicht merken, es sind kluge Zitate. Aber darum geht es bei der Philosophie nicht. Das Ziel ist es, die Worte in Taten umzusetzen. Wie Musonius Rufus betonte, rechtfertigt sich die Philosophie dann, wenn „man vernünftige Lehren mit vernünftigen Handlungsweisen verknüpft“.
Solltest du dich heute oder wann auch immer dabei ertappen, dass du herablassend dein Wissen zum Besten geben willst, halte inne und frage dich: Statt es in Worte zu fassen, wäre es nicht besser, mein Wissen anhand von Taten und Entscheidungen für sich sprechen zu lassen?

aus „Der tägliche Stoiker – 366 nachdenkliche Betrachtungen über Weisheit, Beharrlichkeit und Lebensstil“ von Ryan Holiday. 

Ich arbeite jeden Tag einen kurzen Text in diesem Buch durch. Dazu schreibe ich meine Gedanken auf, welche ich heute gerne mit Euch teilen möchte: 

Wie sieht es tatsächlich mit dem Ziel der heutigen Philosophie aus? Leider sind die heutigen Philosophen schon durch Ihr Studium anscheinend völlig abgehoben und leben in einem Elfenbeinturm und fragen sich eben dabei nicht, ob sie von der Allgemeinheit überhaupt noch verstanden werden. Es scheint, sie sprechen lieber in Worte und Sätzen die nur wenige verstehen, als ob sie Angst hätten, das in Wahrheit Ihre Worte nur hohle Phrasen sind.

Ich frage mich: Wo sind die heutigen Antworten der Philosophie auf die wirklich drängenden Fragen der Zeit? Ich suche sie – aber ich lese nichts davon. Als ob die Philosophie mit Heidegger aufgehört hat zu existieren. Aber gerade jetzt benötigen wir Antworten auf immens existentiellen Fragen. Wie können wir den großen gesellschaftlichen Wandel verarbeiten, der vor uns liegt. Die Wirtschaft und die Gesellschaft wird sich durch die neuen Techniken, aber auch durch die Verknappung der Rohstoffe rasend schnell ändern. Unsere Natur wird immer knapper werden und die Katastrophen werden immer extremer zunehmen. Dann die Themen über die künstliche Intelligenz und Arbeit 4.0, die Integration von Menschen aus unterschiedlichen Kulturen und eigener Geschichte, eine alternde Gesellschaft und den wechselnden Bedürfnissen.

Die Philosophie als Wissenschaft muss für den Menschen da sein und existiert nicht wegen seinem Selbst. Wenn sie nur für sich da wäre, können wir; müssen wir sogar von einer toten Wissenschaft sprechen. Ungefähr wir bei der lateinischen Sprache – eine Sprache die sich nicht mehr verändert, da sie tot ist. Eine Wissenschaft die nur noch Fragen aus der Vergangenheit beantwortet und sich nicht mehr neuen Herausforderungen stellt, ist demnach für mich eine tote Wissenschaft (Entschuldigung an die Geschichtswissenschaften – aber sie bekommt täglich auch neue Grundlagen zum studieren dazu, also ist sie nicht tot).

Dem einzigen Philosophen in der heutigen Zeit – der aus dem deutschsprachigen Elfenbeinturm herabgestiegen ist – ist Richard David Precht. Damit hat er der Philosophie einen Dienst erwiesen – sozusagen wieder etwas beatmet und belebt.
Von den anderen Philosophen lese ich leider nur, gelinde gesagt, substanzlose Kritik über Herrn Precht – aber ich sehe keinen Mut, selber in die „Büt“ zu gehen, selber den Versuch zu unternehmen UNS die heutige Philosophie zu erklären und UNS einen moralischen Weg aufzuzeigen. Die Philosophie kann nicht ins Gestern denken, sondern sie muss sich der Zukunft stellen.

Gibt es denn an unseren Universitäten keinen Mut mehr sich an die heutigen Fragen von der philosophischen Seite heran zuarbeiten? Unsere Gesellschaft verliert immer mehr seine Bindung zur Religion und dem Glauben an die Wirtschaft. Wer füllt dieses Vakuum? Wer hilft dem Einzelnen, seinen inneren Kompass zu finden … und zu folgen? Müssen wir erst wieder auf die extremen Seiten (ob links, ob rechts) warten, die mit möglichst einfachen Antworten unseren Durst nach innerer Richtung erfüllen?

Auch unsere heilige Wirtschaftsgläubigkeit weicht einem seltsamen Gefühl. Wir stellen fest, dass der wirtschaftliche Erfolg nicht gleichzusetzen ist mit Glück. Dass großer materieller Reichtum nichts zu tun hat mit dem Erreichen von innerer Zufriedenheit. Es bleibt bei uns allen nur ein fahler, sinnloser Beigeschmack, den wir auch mit viel Drogen nicht beseitigen können.

Ich bin kein Philosoph.

© Holger Pangritz – Huggl – Göttingen, 03.05.2018


Mehr zur Epiktet: Handbüchlein der Moral  und hier mehr zu „der tägliche Stoiker“ von Ryan Holiday 

Der Januar, die Stoa und „die Macht“.

Im folgenden Artikel möchte ich Euch meine Gedanken und Erfahrungen über meinen ersten Monat mit der Stoa erzählen. Was kann mir eine antike Philosophie, die heute kaum noch jemand kennt, in meinem heutigen Leben geben? Dieser Frage versuche ich in verschiedenen Artikeln auf den Grund zu gehen. Heute beginne ich mit einem kleinen Einblick in die Macht.

Im vergangenen Monat Januar – der einer der dunkelsten Monate seit vielen Jahrzehnten gewesen sein soll, bin ich auf eine Reise gegangen. Nicht in ferne Länder bin ich gereist, fremde Kulturen habe ich auch nicht kennengelernt.

Ich bin auf eine Reise zu mir, in mein eigenes Ich gegangen. Viele sagen, das ist die größte und wichtigste Reise, die jemand machen kann. Es ist der noch am unerforschteste Teil unseres Körpers und vielleicht auch dieses Planeten: unser Inneres, unser Ich.

Diese Reise habe ich nicht begonnen mit Hilfe von Religionen oder religiösen Richtungen. Ich kenne einige Techniken der Meditation, viele Selbstbetrachtungen und Techniken aus den verschiedensten Richtungen. Es ist für jeden Menschen das passende dabei, man muss nur auf die Suche gehen. Für mich ist das genauso.

Aber dieses Jahr werde ich diese Reise ganz bewusst gestalten und auf jeden Tag des Jahres verteilen. Der Zugang dazu wird nur mein Bewusstsein und mein Intellekt sein.

Ich gehe auf einer Reise zur Stoa – zur Philosophie der Antike und somit auch zu einer Reise zu den Grundwerten unserer heutigen Gesellschaft. Aufmerksam geworden bin ich durch das Buch „Der tägliche Stoiker – 366 Nachdenkliche Betrachtungen über Weisheit, Beharrlichkeit und Lebensstil“ von Ryan Holiday.

Jeden Tag lese und arbeite ich eine Seite durch, die mit einer Betrachtung der Stoa von Epiktet, Marc Aurel oder Seneca beginnt. Diese Betrachtungen werden vom Autor kommentiert und in ein modernes Gewand formuliert, damit wir besser begreifen und damit umgehen können.

Ich bin begeistert von dem Buch und auch von der täglichen Arbeit damit. Ich persönlich habe mir ein „Stoiker-Tagebuch“ auf meinem PC eingerichtet und schreibe die Betrachtungen und einen Auszug aus dem Kommentar auf und notiere dazu auch meine Gedanken und Einschätzungen. Man kann natürlich auch die Seite lesen und darüber nachdenken. Mich schult das Schreiben und hilft mir besser in den Text hineingelangen zu können.

Nun beginnen wir mit dem Januar. Er stand unter der Überschrift:

„Die Disziplin der Wahrnehmung.“

Unser Leben hat viel mit Macht zu tun. Entweder wir üben sie aus, oder sie wird über uns ausgeübt. Wobei ich damit nicht sagen will, wir sind keine Machtlosen Wesen. Macht bedeutet die Möglichkeit, etwas bewirken oder beeinflussen zu können. Macht bedeutet aber auch, dass jemand aufgrund seiner Position oder gesellschaftlichen Stellung einen großen Einfluss hat und dadurch Macht ausüben kann.

Auf die Ereignisse, die so in unserem Leben reinstolpern, haben wir oft keinen Einfluss – keine Macht. Wenn wir aber der irrigen Meinung sind, wir können alles zu unseren Gunsten beeinflussen – viele sagen mit positiver Energie könntest Du alles erreichen -, kann folgendes geschehen:

„ich strenge mich an, ich denke positiv, sende heilende Strahlen und Gedanken in Richtung die ich beeinflussen will – und es funktioniert nicht? Warum funktioniert es bei  mir nicht – es hört sich doch so einfach an: „Mach Dir Dein Universum untertan, Du bist Deines Glückes Schmied.“ Ach, die vielen strahlenden und gutaussehenden Menschen im Fernsehen oder noch Schlimmer in Facebook, die täglich zu dir sagen: schau her, ich habe es geschafft. Ich habe mein Glück gefunden. Ich kann es und Du nicht. Du bist noch nicht so weit …. du musst noch viel an Dir arbeiten. Folge mir, ich zeige Dir den Weg. Mach dies, mach das: und es funktioniert immer noch nicht? Oje, dann kann Dir nicht geholfen werden. Du bist einfach noch nicht reif dazu. Mach Dir keine Gedanken – im Nächsten Leben wird bestimmt alles besser …“

Wenn wir uns aber nicht von unseren Gefühlen leiten und unseren Verstand einsetzen, vielleicht wird dann alles Klarer? Das hört sich nun auch wieder so einfach an, als ob das nun die Ultimative Lösung für all unsere Probleme sei. Mitnichten! Niemand kann Dir die Lösung vorkauen – die Lösung muss in Dir stecken.

Was ist nun mit unserem Gefühl. Was ist nun mit der Jagd nach dem Glück? Geld, Liebe, Freiheit und dazu noch die Gewissheit der universellen Macht und das Schicksal, das auf unserer Seite ist.

„Die wesentliche Aufgabe im Leben besteht darin, die Dinge zu erkennen und voneinander zu unterscheiden, um mir klar machen zu können, über welche äußeren Umstände ich keine Macht habe, und welche von Entscheidungen abhängen, die in meiner Macht stehen. Wo finde ich dann das Gute oder Böse? Nicht in den Dingen, die nicht in meiner Macht stehen, sondern in mir selbst, in den Entscheidungen, die ich treffe ….“

EPIKTET, Lehrgespräche, 2.5.4-5

Das ist nun die erste Betrachtung im Januar – und sie ist eigentlich schon die entscheidendste Betrachtung – nach der sich alle anderen richten und unterordnen.

Ich muss mir bewusst werden: Was steht in meiner Macht und was steht nicht in meiner Macht?

Welche Dinge kann ich in meinem Leben ändern und welche Dinge sind unveränderbar? Die unveränderbaren Dinge, die ich nicht bewusst beeinflussen kann, muss ich demnach als gegeben hinnehmen. Deswegen sollte ich meine Energie und Kraft auf die Dinge richten, die ich ganz bewusst verändern kann.

Die Kunst ist nun: was kann ich als unveränderbar hinnehmen? Welche Dinge sind veränderbar und in welchem Maße? Was kann ich beeinflussen, was muss ich sogar beeinflussen? Oft stehen Ungerechtigkeiten nicht in unserer Macht, trotzdem kann ich (muss ich) dagegen ankämpfen. Diese Unterscheidung zu treffen, ohne sich ablehnend zurückzuhalten und abzuwinken: „Ne, ne, das liegt nicht in meiner Macht“.

Der Grundansatz der philosophischen Stoik ist genau die Erkenntnis über die Dinge, die von uns persönlich beeinflusst werden können und welche nicht.

Zum Beispiel die Sache mit der Vergangenheit: Wir müssen die Vergangenheit als gegeben hinnehmen. Wir können sie nicht ändern. Das Wort ist gesprochen, das vielleicht nicht ausgesprochen werden sollte. Wir sind stumm geblieben, wo oftmals eine klare Stellungnahme unsere Zukunft und die Zukunft von vielen anderen vielleicht verändert hätte. Ich kann hier noch unendlich weitere Beispiele nennen.

Da fällt mir das alte Sprichwort ein: „Hätte, hätte, Fahrradkette.“

Diese drei Worte sagen genau das aus, was die Stoiker vor über 2000 Jahren schon ihren Schülern sagten. Die Vergangenheit ist vergangen – nur eins zählt: das Jetzt und was du daraus machst.

Wir können Dinge, die in der Vergangenheit geschehen sind, nicht ungeschehen machen, also nicht dagegen ankämpfen. Wir verlieren sehr viel Energie, indem wir Dinge in unser Auge (Bewusstsein) fassen, die wir nicht mehr verändern können, da sie geschehen sind.

Hingegen wenn wir unsere gesamte Energie auf unsere Zukunft lenken, was können wir dann erreichen?

Ja was ist dann? Was steht denn eigentlich in meiner Macht?

Macht_edited

Epiktet schreibt im Handbüchlein der Moral:

Einige Dinge stehen in unserer Macht, andere hingegen nicht. In unserer Macht sind Urteil, Bestrebung, Begier und Abneigung, mit einem Wort alles das, was Produkt unseres Willens ist. Nicht in unserer Macht sind unser Leib, Besitz, Ehre, Amt, und alles was nicht unser Werk ist. Was in unserer Macht ist, ist seiner Natur gemäß frei, kann nicht verboten oder verhindert werden; was aber nicht in unserer Macht steht, ist knechtisch, kann verwehrt werden, gehört einem anderen zu.

Du liest die Betrachtungen jeden Tag und lässt Dich darauf ein. Meine, bis jetzt sehr kurze Erfahrung: es klärt tatsächlich den Geist. Und dieses Studium mit mir selber, tut unglaublich gut.

Viele Betrachtungen, die ich gelesen habe, erinnern mich an heutige Coaching Briefe. Aber diese Coaching Briefe sind schon 2000 Jahre alt und haben nichts, aber so überhaupt gar nichts an Aktualität verloren. Unsere heutige „Realität“ ist in vielen bedeutenden Dingen überhaupt nicht überlegen. Ich würde sogar fast sagen, wir sind manchen Denkgebäuden unterlegen.

Ich habe nichts dagegen, gecoacht zu werden. Das braucht jeder von uns. Etwas Neues ist, dass mein Coach ein entlassener Sklave, ein römischer Senator und sogar ein sehr erfolgreicher Kaiser und Heerführer ist.

Wie gehen nun meine Tage weiter: ich arbeite nicht nur an der Philosophie der Stoa, sondern werde für mich im Februar ein Tagebuch – gezielt auf die Philosophie gerichtet – schreiben. Ich bin mir fast sicher, dass ihr daraus an der einen oder anderen Stelle etwas erfahren werdet.

Ich habe mit der ersten Betrachtung angefangen und möchte mit der letzten Betrachtung im Januar enden.

„Kehre nicht zur Philosophie zurück wie zu einem Schulmeister, sondern wie ein Patient, der für wunde Augen nach Linderung sucht, oder nach Umschlägen und Balsam bei einer Verbrennung. Wenn du es so betrachtest, gehorchst du der Vernunft, ohne sie zur Schau zu stellen, und weißt dich bei ihr in guten Händen.“

Marc Aurel, Selbstbetrachtungen, 5.9

Philosophie ist Medizin für die Seele und ich bin bei ihr in guten Händen.

Euer Huggl

Nachtrag & P.S.: Ich habe mich in diesem Text nur auf den ersten Tag des täglichen Stoikers bezogen. Der erste Monat war für mich schon so bereichernd und wertvoll. Die Texte haben mich genau dort getroffen und abgeholt, wo ich stehe. Das fand ich sehr beeindruckend. Und trotzdem glaube ich nicht an die alleine Seligmachende Methode für unser Leben, sondern ich bin davon überzeugt, dass es ein Mix aus Techniken ist, die uns helfen, unsere Selbsterfahrung positiv zu erleben.

Ich möchte damit sagen, es ist nicht nur der Verstand, es ist auch nicht nur das Gefühl und die Intuition. Das ist kein populärer Gedanke zu behaupten, dass weder das Eine noch das Andere hilft. Es ist eine Kombination der Möglichkeiten, die uns, von wem auch immer, zur Verfügung gestellt wurden. Und wir müssen die Techniken erlernen, diese abzurufen. Das ist eine unserer Lebensaufgaben.

Wir müssen damit nicht erst anfangen, wenn wir krank oder sonstige seelisch/körperlichen Beschwerden haben. Ich werbe dafür, dass wir damit schon in der Schule anfangen. Es muss die Möglichkeit geben unseren Kindern Meditation und Achtsamkeitsübungen rechtzeitig beizubringen. Und wenn es nicht die Schule macht, dann müssen wir es Zuhause machen. Es ist so lehrreich und bereichert das eigene Leben.

Es wird Zeit uns zu verändern – it’s time to change the world!

© Holger Pangritz, Göttingen im Februar 2018


Mit folgenden Büchern habe ich in diesem Monat gearbeitet:

 

 

 

Was bleibt am Ende über?

Was bleibt am Ende über?

Am Ende bleibt nur meine Seele über.
Und wenn ich sie nicht weitergebildet habe,
wenn ich sie nicht mit Herzensdingen genährt,
und den falschen Götzen und dem Mammon hinterhergejagt habe,
was bleibt dann über?

Am Ende bleibt nur meine Seele über und ein verlorenes Leben.

© Gedicht & Bild: Holger Pangritz, 26.12.2017